Fehlfunktionen der Schilddrüse

28. Mrz. 2017

Die Hormone, die von der Schilddrüse produziert werden, spielen eine wichtige Rolle in der Aktivitätsregelung von Stoffwechselvorgängen. Ihre Wirkung ist zudem mit der anderer Hormone eng verflochten.

Marie hatte einfach keine Kraft mehr zu gesunden

Die Schilddrüsenhormone T3 und T4 beeinflussen den Sauerstoffverbrauch der Zellen, die Verarbeitung von Kohlehydraten, Fetten und Eiweißen, also den gesamten Energiestoffwechsel, die Funktion des Herz-Kreislauf-Systems und des Magen-Darm-Traktes, Wachstums- und Differenzierungsvorgänge sowie die geistige Entwicklung bei Ungeborenen und Welpen.

Schilddrüsenfehlfunktionen führen zu multisystemischen Erkrankungen, deren deutlichstes Zeichen zumeist ein schlechter Zustand von Fell und Haut als Folge des massiv gestörten Stoffwechsels ist.

Bei Katzen findet man in der Regel eine Schilddrüsenüberfunktion; Unterfunktionen sind selten. Wenn sie auftreten, sind sie sekundär (z.B. als Folge von Darmerkrankungen), müssen aber temporär therapiert werden, da die Tiere aufhören zu fressen. Beim Hund hingegen tritt vermehrt die Unterfunktion auf (häufig rassedisponiert).

Die Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) der Katze

Die Schilddrüsenüberfunktion ist die häufigste hormonelle Erkrankung der älteren Katze. Die Bestimmung des Wertes des Schilddrüsenhormons T4 ist deshalb Bestandteil eines sogenannten geriatrischen Blutbildes (Altersblutbild), das spätestens ab dem 10.Lebensjahr einmal jährlich im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung ausgefertigt werden sollte. Je eher die Krankheit erkannt wird, desto weniger schwer sind die Folgeerkrankungen und die Prognose ist umso besser. Besondere Beachtung sollte hierbei dem sogenannten „Graubereich“ zukommen, der von einigen Laboren angegeben wird. Er findet Anwendung bei „alten und/oder symptomatischen Katzen“ und lässt häufig eine Therapie angeraten sein, bevor der Wert tatsächlich über den oberen Normbereich hinaus geht.

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Organisch findet sich der Grund für eine SDÜ zumeist in einer Vergrößerung eines oder beider Schilddrüsenlappen, die dann auch unterhalb des Kehlkopfes zu ertasten sind. Die gutartigen Zubildungen (bösartige Karzinome sind sehr selten) führen zu einer vermehrten Produktion von Schilddrüsenhormonen, die in nahezu jede Zelle und jedes Organ des Körpers abgegeben werden. Hierdurch arbeiten verschiedene Organsysteme verstärkt, weshalb das typische Merkmal einer hyperthyreotischen Katze (von wenigen Ausnahmen abgesehen) eine gesteigerte Aktivität in allen Bereichen ist.

Aus diesem Grunde wird die Erkrankung im Anfangsstadium häufig von den Tierhaltern übersehen: das sehr gute Fressverhalten und die Munterkeit des älteren Tieres werden als positiv wahrgenommen; andere Symptome, wie etwa der Gewichtsverlust, das ungepflegt erscheinende Fell und eine zunehmende Muskelschwäche besonders der Hinterläufe, werden hingegen dem natürlichen Alterungsprozess zugeschrieben und als weniger beunruhigend empfunden.

Symptome einer Schilddrüsenüberfunktion:
  • Gewichtsverlust bis zur totalen Abmagerung bei meist gesteigerter Nahrungsaufnahme
  • vermehrter Appetit und Durst
  • häufiger Kotabsatz in großen Mengen, vermehrter Urinabsatz, häufig Unsauberkeit
  • Magen-Darm-Probleme (Erbrechen und Durchfall)
  • Herzschlag und Atemfrequenz sind beschleunigt
  • Ruhelosigkeit, Hyperaktivität
  • aber schnelle Ermüdbarkeit, Atemprobleme
  • Verhaltensänderungen, erhöhte Aggressivität
  • ungepflegt erscheinendes Haarkleid, Juckreiz, ungleichmässiger Haarausfall, gesteigertes Krallenwachstum

In wenigen Fällen ist auch die gegenteilige Symptomatik möglich, wobei die typischen Symptome der SDÜ häufig in den Vormonaten vorhanden waren. Bei diesen Tieren findet sich zumeist eine zweite, deutlich schwerwiegendere Erkrankung (Magen-Darmerkrankungen oder Tumoren), die die Prognose erheblich verschlechtert. Diese Tiere zeigen:

  • Appetitlosigkeit
  • verminderte Aktivität
  • Fettleibigkeit
  • Atemnot
Diagnostik und Therapie

Liegt der Verdacht einer Schilddrüsenüberfunktion vor, bestimmt man die Höhe des Schilddrüsenhormons T4 im Blut. Da eine Schilddrüsenüberfunktion diverse Erkrankungen nach sich zieht, sind diese parallel zu diagnostizieren und bei Befund zu therapieren. Abgesehen davon, dass man zunächst ein großes Blutbild mit kompletter Blutchemie ausfertigen lassen sollte, sind folgende Untersuchungen zwingend:

  • Blutdruckmessung
  • Herzdiagnostik; ggf. Röntgen und Ultraschall
  • Kotuntersuchung
  • evtl. eine Untersuchung beim Spezialisten für Augenheilkunde, da ein erhöhter Blutdruck zu Netzhautablösung führen kann.

Lauri wurde unsauber

Die alleinige Verabreichung des Schilddrüsenmedikamentes ist in der Regel nicht ausreichend. Alle Befunde sind einzeln und sorgfältig zu therapieren und im Verlauf der Behandlung mit zu kontrollieren. Da eine Schilddrüsenüberfunktion eine Niereninsuffizienz maskieren kann, sind auch die Nierenwerte Bestandteil der Therapie-überwachung. Eine gelegentliche Kontrolle der Leberwerte und ggf. eine Unterstützung dieses Organs ist anzuraten, zumal die Tabletten über die Leber verstoffwechselt werden. Die überwiegende Zahl der Katzen hat mehr oder weniger gravierende Störungen im Bereich des Magen-Darmtraktes, die durch eine SDÜ verschlimmert werden. Die Nahrung wird nicht angemessen aufgeschlossen und verwertet; die Medikamente natürlich auch nicht.

Eine Kotuntersuchung, die minimal aus einer Parasitologie und einer Bakteriologie bestehen sollte, gibt Aufschluss über den Zustand der Darmgesundheit und zeigt den Therapiebedarf.

Eine engmaschige Kontrolle des Körpergewichts ist zwingend: solange die SDÜ nicht eingestellt ist, nimmt die Katze nicht oder kaum zu. Ist sie eingestellt und die Katze nimmt trotzdem nicht zu, kann man von einer zusätzlichen Erkrankung ausgehen.

Die gängigste Therapie ist die Verabreichung von Tabletten, die die Produktion der Schilddrüsenhormone hemmen. Die Wirkung dieser Medikamente ist vollständig und relativ schnell reversibel: Wenn man die Gabe beendet, entspricht der T4-Spiegel schnell wieder demjenigen vor der Medikamentengabe.

Es befinden sich 2 Produkte in Tablettenform auf dem Markt, denen gemein ist, dass die Tabletten nicht geteilt werden sollen.

Felimazole (Wirkstoff: Thiamazol) ist altbewährt und in 3 Dosierungen erhältlich. Es eignet sich auch zur Therapie, wenn die Werte sich noch im Graubereich befinden, man also recht niedrig dosiert. Die Tabletten müssen zwingend 2mal täglich gegeben werden, da ihre Wirkung keine 24 Stunden anhält. Die Verabreichung in einem möglichst genauen 12-stündigen Turnus und die Verlässlichkeit der Medikation sind extrem wichtig. Bei Ungenauigkeiten, steigt der Hormonspiegel sofort wieder an; mit allen schädlichen Auswirkungen auf den Stoffwechsel. Dieser „fährt quasi Achterbahn“; eine Quälerei, die tödlich enden kann.

Vidalta (Wirkstoff: Carbimazol) muss tatsächlich nur einmal täglich gegeben werden und ist natürlich das Mittel der Wahl für Katzen die Felimazole nicht vertragen. Ansonsten ist aber die Anwendung sorgfältig abzuwägen. Das Medikament ist nur in zwei relativ hohen Dosierungen zu bekommen. Es eignet sich also nicht für Tiere mit noch niedrigem T4-Wert, ist aber auch bei sehr hohen Werten nicht zu empfehlen, da Carbimazol deutlich schwächer in der Wirkung ist als Thiamazol. Man erreichte also zu schnell die Höchstdosierungsmenge und hätte dann keine Therapiemöglichkeit mehr.

Ganz neu befindet sich ein Thiamazolpräparat in flüssiger Form auf dem Markt. Thyronorm ist mithilfe des Applikators sehr fein zu dosieren und wird ebenfalls 2mal täglich direkt in das Maul gegeben.

Für Katzen, bei denen eine orale Verabreichung ausgeschlossen ist, gibt es eine Salbe, die ebenfalls Thiamazol als Wirkstoff enthält. Sie wird 2x tgl. in die Ohrmuscheln eingerieben, ist aber nicht sehr genau in der Dosierung.

Eine weitere, nicht sehr gängige, Methode ist die Radio-Jod-Therapie. Diese wird an einigen Tierkliniken durchgeführt, erfordert einen ca. zweiwöchigen Aufenthalt der Katze in der Klinik und ist entsprechend teuer.

Annabelles Darmwände waren völlig zerstört

Allen Behandlungsmethoden gemein ist die Notwendigkeit der regelmässigen Kontrolle. Die Abstände sind anfangs relativ kurz (2 – 3 Wochen), später länger (2 – 3 Monate; bei Symptomatik früher) zu wählen. Am Anfang gilt es im Besonderen darauf zu achten, dass das Tier nicht in eine Unterfunktion der Schilddrüse gerät. Eine Schilddrüsenüberfunktion ist einfach zu diagnostizieren und incl. beginnender Folgeerkrankungen gut zu therapieren. Sind die Erkrankungen aber zu weit fortgeschritten, führen sie meistens zum Tode.

Gerade bei den Tieren, wie wir sie im Tierschutz immer häufiger finden, die monate-, manchmal jahrelang unbehandelt blieben, sind es fast immer die Sekundärerkrankungen und hier insbesondere die Magen-Darmproblematiken, die wir nicht mehr heilen können. Die SDÜ ist zügig eingestellt, aber wir müssen die Tiere dennoch aufgeben, weil ihre ausgemergelten Körper keine Reserven mehr haben. Ein leidvoller und völlig unnötiger Tod.