Ein herzlicher Weihnachtsgruß

23. Dez. 2017

Liebe Freunde und Bekannte meiner Praxis und des Tierasyls,

ich wünsche uns allen friedvolle, harmonische Weihnachten. Mein Dank gilt Ihren Zeichen der Wertschätzung und Unterstützung, ohne die Geschichten wie die „meines“ Weihnachtskaters Indis nicht möglich wären.

Haben Sie ein glückliches, gesundes Jahr 2018!

Ihre Ulrike Schnappat

 
Indis, der Weihnachtskater

Jeder Mensch, jedes Tier hat einen Schutzengel. Seine Existenz entlässt uns nicht aus der Verantwortung für unser Denken und Handeln, und ob er in Erscheinung tritt, wird an anderer Stelle entschieden. Aber es gibt ihn, und manchmal ist er genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wie bei Kater Indis, dem er von Geburt an in den entscheidenden Momenten immer wieder zur Seite steht.

Hier erzählt der Engel die Geschichte seines „Weihnachtskaters“.

»Von seiner Geburt an war Indis etwas Besonderes: kräftiger als seine Geschwister, mit einem silbergrauen Fell. Als er 4 Monate alt war, zeigten sich wunderschön große, grüne Augen.

Er hatte einen anderen Namen, an den ich mich nicht mehr erinnere. Der Kater wurde verwöhnt, sein langes Fell gepflegt. Während seine Geschwister viel zu jung verkauft wurden, durfte er bei seiner Mutter bleiben.

Er wuchs zu einem stattlichen Kerl heran; die Katzendamen in dem Haushalt liebten ihn.
Aber von da an musste er die meiste Zeit alleine in einem Zimmer verbringen, und seine Kinder durfte er nie heranwachsen sehen. Er bekam zu Fressen, doch die Menschen waren auf einmal sehr grob. Niemand spielte mehr mit ihm; er wurde kaum noch gebürstet und schon gar nicht gestreichelt. Er war einsam, und er bekam solche Angst, dass er begann, sich zu verteidigen, zu kratzen und zu beißen.
Eines Tages packte man ihn mit Gewalt in eine Box. Betäubt von Schmerzen und Panik bemerkte er gar nicht, dass die Autofahrt zu Ende und die Tür der Box geöffnet war. Als er wieder denken konnte, war Alles fremd: die Geräusche, die Gerüche…es gab absolut nichts, was ihm bekannt war. Er sah Artgenossen, aber keiner sah aus wie er. Man hatte ihn ausgesetzt! Mitten im Wald an einem Platz, an dem im Stich gelassene Katzen gefüttert wurden. Indis zitterte vor Entsetzen und verharrte reglos in seiner Box. Irgendwann musste er einmal aufstehen, und er bekam trotz allem auch Hunger. Er wartete, bis die Anderen satt waren. Dann schlich er zum Napf und fraß, was übrig geblieben war.

Die Wochen und Monate vergingen, und er gewöhnte sich an sein neues Leben. Bei schönem Wetter genoss er es richtig, Erde und Gras unter seinen Füssen und die Sonne auf dem Rücken zu spüren. Es gab nette Kätzinnen, mit denen er viele Kinder hatte. Zu essen gab es genug, aber Viele von ihnen hatten Flöhe, Zecken und Würmer im Darm. Immer wieder starben Babys, und manchmal kam auch eine erwachsene Katze nicht aus dem Wald zurück. Trotzdem wurden sie immer mehr, aber für Keinen gab es eine Hütte oder nur einen Unterschlupf, der trocken und sauber gewesen wäre.
Im Winter froren die Tiere so sehr, dass Indis eine Erkältung bekam. Niemand brachte ihn zum Arzt, und so blieb der Infekt dauerhaft; manchmal besser, dann wieder schlechter.

Ich, als sein Schutzengeln, sah mit Traurigkeit wie er leben musste: immer voller Angst vor den Menschen, ohne gute Versorgung. Das größte Problem war zweifelsohne das lange Fell. Es verfilzte zu dicken Platten, unter denen sich die Haut entzündete. Wenn es gar nicht mehr zu ertragen war, rubbelte sich Indis an Bäumen, bis er sich die Fellplatten abreißen konnte. Oft verletzte er sich dabei die Haut, was sehr weh tat. Zum Glück gelang es mir immer, zur Stelle zu sein um dafür zu sorgen, dass sich die Wunden nicht entzündeten. Aber es blieben viele Narben, und da, wo ein ganzer Hautfetzen abging, hatte das Fell seit dem eine andere Farbe.

Jahre vergingen; irgendwann kamen Tierschützer. Alle Katzen wurden kastriert und blieben zunächst im Tierheim. Die Zeit war eine Qual für Indis, weshalb er mit einigen Weggefährten zurück in den Wald gebracht wurde.
Es war später Herbst, als etwas Furchtbares geschah. Als ich mich um Indis kümmern durfte, fand ich ihn todkrank unter Büschen liegen. Sein Rückgrat war gebrochen, er konnte seine Hinterbeine nicht bewegen und hatte grausame Schmerzen. Der schöne, stolze Kater konnte sich nur lückenhaft erinnern. Man hatte ihn in eine Ecke getrieben, dann auf ihn eingeschlagen und- getreten. Viele Wochen wachte ich Tag und Nacht bei ihm. Die Schmerzen ließen nach, die Wirbelsäule verknöcherte. Aber es gab weder zu Fressen noch zu Trinken. Indis‘ Kräfte schwanden.
Abgemagert zum Skelett zog er sich mit den Vorderpfoten an die Futterstelle. Die Katzen wichen zur Seite; keine fraß aus dem Napf, an dem er gewesen war. Er erkannte schemenhaft die Frau, die sich seit längerer Zeit so fürsorglich um die Katzenkolonie gekümmert hatte. Aber sein Vertrauen in die Menschen war endgültig zerstört. Als sie ihn aufnehmen wollte, mobilisierte er alle noch vorhandenen Kräfte, um wie von Sinnen zu fliehen.
Trotzdem kam er am nächsten Tag zurück; er musste doch unbedingt fressen. „Sie“ war auch da! Zusammen mit einigen Männern. Und ich beschloss, dass es dieses Mal gelingen musste. Noch bevor Indis die Situation begreifen konnte, war er mit einem Kescher gefangen.

Der Kater dachte, das sei sein endgültiges Ende. Aber ich war mehr als zufrieden. Ich wusste, dass ich nun einen Teil der Verantwortung in die Hände „seines“ Menschen legen konnte. Es war der erste Weihnachtstag vor 6 Jahren, als für Indis ein zweites Leben begann. Über viele Monate wurde er gepflegt, dann behutsam an die Nähe von Menschen gewöhnt.

Geliebt und geachtet lernte er den Schutz und die Behaglichkeit eines Hauses zu schätzen. Auch deshalb, weil er weiß, dass er durch die Katzenklappen jederzeit in den Garten laufen kann. Geschlossene Türen erträgt er nicht, und er hat noch immer Angst vor Händen und Füßen. Sein Mensch bedrängt ihn nicht, ist aber immer wieder ein bisschen schlauer als er, wenn es darum geht, dass er seine tägliche Medizin frisst oder zum Tierarzt muss.
Aus dem silbernen Katzenkind ist ein älterer Herr geworden. Es tut gut, Indis jetzt wohlversorgt und zufrieden zu sehen. Ich kann nicht sagen, wie lange er noch leben wird. Aber ich werde versuchen da zu sein, wenn sein Mensch und er Hilfe benötigen, bis ich unseren „Weihnachtskater“ irgendwann endgültig abholen werde.«

im Dezember 2017