Pino – am Straßenrand war der Flug zu Ende

17. Aug. 2018

Die Bundesstraße war vielbefahren und ich fuhr das erlaubte Tempo von 70 km/h. Trotzdem nahm ich im hohen Gras des rechten, seitlichen Grünstreifens den Taubenkopf wahr: aufrecht und mit wachen Augen. Ich nutzte die nächste Möglichkeit um zu wenden und parkte mein Auto in einem Feldweg. Ausgerüstet mit einer kleinen Transportbox und einem Kinderkescher näherte ich mich vorsichtig dem Tier, das unter einem Baum saß. Der rechte Flügel stand sichtbar ab.

Mir war klar, dass die Taube nicht mehr fliegen konnte, aber die Gefahr, dass sie aus Angst auf die Straße flüchten würde, war groß. Ich wartete eine Lücke im Verkehr ab um von der Fahrbahnseite her zügig die letzten Schritte zu tun und sie zu greifen. Ein wunderschönes Tier in ansonsten gutem Zustand.

Zuhause angekommen gab es erst einmal ein Leckerchen für Katze Pina. Sie hatte, auf dem Rückweg vom Tierarzt, im Auto warten müssen, während ich den Täuber sicherte. Und sie wurde zur Namenspatin.

Dann erfolgte auch schon der Rückruf von Sabine um erste Details zu besprechen: der Ring gab Aufschluss, dass es sich um eine Brieftaube aus dem Jahr 2017 handelte. Eine Rückführung solcher „Versager“ an den Züchter bedeutet meist den sicheren Tod des Tieres. Also trafen wir uns am späten Abend zur Übergabe. Eine erste, kurze Untersuchung ließ die versierte Fachfrau einen Bruch des Schultergelenkes vermuten, der sich später bestätigte. Pino war vermutlich zumindest in den Luftwirbel eines PKWs geraten. Weitere Verletzungen hatte er nicht. Er erholte sich gut, aber fliegen kann er nicht mehr.

Als Taube gehört Pino zu einer Tierart, die behaftet mit unsäglichen Vorurteilen, wenig geachtet, oft sogar verfolgt ist. Als Brieftaube wurde er das Opfer eines Hobbys von Menschen, die Leid und Tod ihrer Tiere riskieren und in Kauf nehmen und das auch noch „Sport“ nennen.

Der Täuber hatte – im Gegensatz zu vielen seiner Leidensgenossen – Glück, dass ich ihn fand. Seine Zukunft ist eine gute, denn er hat in Sabines Volière unter zahlreichen anderen Tauben mit Behinderung einen Lebensplatz bekommen.

! Danke, Sabine, dafür und überhaupt einmal wieder, dass Du zu jeder Zeit und immer ganz schnell für mich da bist, wenn ich einen gefiederten Notfall finde. !


 
Fotos: © Sabine Brunelli