Johanna & Braveheart = Freude & Traurigkeit

2. Dez. 2020

Der Igel saß mitten auf dem Rasen, als ich im Schein der Taschenlampe zu den Katzen im Aussengehege ging. Er war viel zu klein für Mitte November. Ich nahm ihn sofort mit in’s Haus.

Die Waage zeigte 370g – niemals hätte er ohne Hilfe das benötigte Gewicht von 700g, mit dem er sicher in den Winterschlaf hätte gehen dürfen, erreicht.

Nur zwei Tage später wurden wir in den frühen Morgenstunden unsanft geweckt. Es war ein zweiter Miniigel, der auf der Terrasse randalierte. Er hatte die bereitgestellte Futtersäule mit Vogelfutter umgeworfen und rollte sie immer wieder gegen die Wand, damit die Körner herausfielen. Wie verzweifelt hungrig musste der Kleine gewesen sein?

Ich richtete einen weiteren Käfig ein und stellte ihn neben den ersten. Gerne hätte ich die beiden vergesellschaftet, zumal es nahe lag, dass sie Geschwister waren. Igelkind No. 2 wog mit 320g nochmals deutlich weniger, machte aber zunächst den besseren Eindruck. Beide Stachelritter frassen; die (erstaunlich wenigen) Flöhe waren abgesammelt, ich wartete auf die Ergebnisse der Kotuntersuchungen. Ganz plötzlich kippte der zweite Patient. Ich brachte ihn sofort zu einer Spezailistin, aber er verstarb innerhalb weniger Stunden. Ein Junge, den ich Braveheart nannte.

Ich war unendlich traurig und bangte um Johanna, die den viel schlechteren Kotbefund hatte.

Aber sie hat es für den Moment gepackt, frisst unglaubliche Mengen und wiegt inzwischen über 500g. Noch steht sie im Keller bei moderaten Temperaturen. 150g muss sie sich noch anfuttern. Der Kot wird erneut zur Untersuchung gehen. Wäre er dann hoffentlich ohne Befund, stellte ich den Käfig in das Gartenhaus. Johanna könnte in die verdiente Winterruhe gehen. Sie wird immer einmal wieder aufwachen, dann ein wenig fressen um sich erneut in den Schlaf zu begeben. Ausgewildert wird sie erst, wenn im April/Mai die Nächte gesichert frostfrei sind. Ich habe also einige Monate Zeit mir Gedanken zu machen, wo sie ein möglichst sicheres Igelleben wird führen können. Eigentlich wildert man Stachelritter am Fundort aus. Aber mit einem Nachbarn, der einen Mähroboter bis in die Dämmerung hinein und unter die Büsche fahren lässt, geht das natürlich keinesfalls. Johanna soll leben und eine Familie gründen. Unter ihren Kindern wird hoffentlich auch ein kleiner Junge sein. Ein Braveheart, der eine bessere Zukunft haben soll als der Kleine dieses Jahres.

Foto: Nicole Ernst