Melina und ihre
Kinder

4. Jul. 2021

Wir hatten es lange erwartet: nachdem die letzte Katze an meinem Dauerfangplatz hochtragend war, kam nun aus der Nachbarschaft die Meldung einer Mutter mit (zunächst) zwei Kindern. Wir durften einen Futterplatz im Garten der Melderin einrichten und erhielten netterweise freien Zutritt zum Gelände.

Die Kitten – es waren drei im Alter von ungefähr 5 Wochen – entdeckte ich in einem Spalt, der von Gartenhaus und Hecke gebildet wurde. In den frühen Morgenstunden spielten sie ausgelassen in dem kleinen Innenhof hinter der Hütte. Die Mutter hätte kaum einen besseren Ort wählen können: sicher vor fast allen Feinden und unerreichbar für uns.

       

Sie selbst fraß wie von Sinnen. Vom ersten Tag an ging sie in die Falle, in der vorne eine Schale mit Aufzuchtsmilch, hinten der gefüllte Futternapf standen. Ich positionierte eine zweite Falle, dann die dritte; für den Morgen gab es einen Futterautomaten mit Zeitschaltuhr. Überwacht wurde das Geschehen mit Hilfe einer Wildkamera. Die ersten Bilder zeigten mir, dass die Kätzin abends auf mich wartete: kaum war ich fort, kam sie bereits zum Fressen und leerte im Laufe der Nacht alle Näpfe. Dann endlich war es soweit: sie brachte ihre Kinder mit. Die Kleinen lernten die Fallen kennen und verstanden, dass sich darinnen Futter befand. Täglich wertete ich die Bilder aus, bis ich sicher war, dass auch das scheueste Kind selbstständig fraß. Jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen, mit dem Einfangen zu beginnen. Mutter Melina ging erwartungsgemäß sofort in die nun scharf gestellte Falle. Das erste Kätzchen folgte am nächsten Morgen, die anderen beiden erst 24 Stunden später. Eine lange, bange Zeit. Unsere Erleichterung war groß, nun die komplette Familie in Sicherheit zu wissen. Sie ist zunächst bei mir untergebracht, und verständlicherweise waren die ersten Tage hart. Die Kleinen waren nicht zu sehen, Melina ging die Wände hoch, weil ihr alles zu eng war. Zum Glück wurde aber von Anfang an gefressen, und auch die Benutzung des Katzenklos klappte (was mich immer wieder in Erstaunen versetzt). Ich sah nun auch, warum die Kätzin so unbeschreiblich hungrig war: ihr Kot war voller Würmer.

Zwei Tage später vermittelte meine wunderbare Tierärztin den Wildlingen den ersten liebevollen und rundum positiv geprägten Menschenkontakt. Natürlich gab es für jeden eine Wurmkur, und es wurde das Geschlecht geklärt: Melina hat drei Jungen, die wir auf die Namen Monty, Matti und Malik tauften. Mit 860 bis 930g Eingangsgewicht sind die kids proper, während ihre Mutter mit wenig mehr als 3 kg doch recht leicht/dünn ist.

   

Nach zwei Wochen sind alle auf einem guten Weg. Die angegriffene Darmgesundheit wird saniert, das Immunsystem unterstützt. Die Jungs fressen mir die Haare vom Kopf, toben und raufen ausdauernd und spielen bereits zaghaft mit mir und der Federangel. Auch Melina kommt zur Ruhe und fasst ein wenig Vertrauen. Bald wird sie kastriert; dann ist auch die Zeit gekommen, dass jeder auf eigenen Pfoten stehen kann. Die Kinder werden angeimpft und ziehen in den Kindergarten im Tierheim. Melina wird ihre Operation noch bei mir ausheilen um im Anschluss ebenfalls umzuziehen.

        

Die kleine Familie ist kein „schlimmer“ Tierschutzfall. Eine heftige Verwurmung bei Mutter und Kindern, ein leichtes Atemgeräusch bei Malik. Aber sie zeigt uns einmal mehr, dass Katzen, die unversorgt draußen leben, eben kein gutes Dasein haben. Melina war jetzt schon ausgezehrt; hätte sie eine weitere Schwangerschaft überlebt? Und wenn „Ja“, in welchem Zustand wären die Kinder gewesen? Wäre aus Maliks bronchialem Infekt unbehandelt eine Lungenentzündung geworden, die ihn gar nicht hätte erwachsen werden lassen?

„Meinem“ Quartett stellen sich diese Fragen nicht mehr. Für sie hat eine liebevoll behütete Zukunft begonnen. Aber tausende von verwilderten Hauskatzen kämpfen sich weiterhin durch ein unwürdiges und leidvolles Dasein.

Bitte schauen Sie nicht weg. Melden Sie unbekannte Tiere beim ansässigen Tierschutzverein, so wie es hier geschah. Die Dame, die sich kümmerte, hatte einige Mühe Hilfe zu finden. Aber sie gab nicht auf und rettete damit gleich vier Katzenleben.