240g waren viel zu wenig

28. Dez. 2021

Eine Freundin hatte das Igelkind schon zuvor gesehen, es aber im hohen Herbstlaub aus den Augen verloren. Eine Woche später gelang es das Kleine zu fangen. Gerade einmal 240g brachte es auf die Waage – viel zu wenig für Ende November. Trotzdem war der Ministachelritter putzmunter und krabbelte aus jedem Karton, egal wie groß und hoch er war. Also wurde eine große Aufbewahrungsbox aus Plastik eingerichtet. Der Durchfall war übel und der Igel fraß nicht. An der Katzenaufzuchtmilch nippte er nur. Die getrockneten Mehlwürmer wurden geknabbert, stellten aber lediglich einen snack ohne hohen Nährwert dar. Demzufolge nahm das Tierchen ab, was uns natürlich zutiefst beunruhigte. Am Sonntag hielt ich eine harte, kalte Kugel in der Hand und meinte, der Mini sei gestorben. Eine warme Infusion mit B-Vitaminen wirkte Wunder, aber die Waage zeigte am Montag nur mehr 218g. Eiligst fuhr die Finderin mit dem Patienten und spärlicher Drei-Tage-Sammelkotprobe in eine igelkundige Praxis. 

Es handelte sich um ein Mädchen im Alter von ungefähr drei Monaten. Keine Flöhe, nur eine Zecke am Bauch, die üblichen Darmhaar- und Lungenwürmer. Aber Josephine wog eben nur die Hälfte dessen, was sie hätte wiegen müssen, und sie befand sich gerade im Zahnwechsel. Igel fressen dann 2 bis 3 Wochen sehr schlecht, manchmal gar nicht. Die Prognose war nicht gut und die Ärztin machte uns wenig Hoffnung. 

Aufgabe war keine Option; für uns nicht und zum Glück auch nicht für Josi. Von dem reichhaltigen Buffet mochte sie Rührei, gebratenes Rinderhack und natürlich die Mehlwürmer. Ich konnte die ersten naturheilkundlichen Präparate und nach einigen Tagen auch das Medikament gegen die Darmparasiten im Futter unterbringen. Die Gewichtszunahme erfolgte langsam aber konstant. Dann plötzlich, nach etwas mehr als 2 Wochen, war auch von dem Katzenfutter gut gefressen. Seit dem ist aus dem anfänglichen etwas eingedellten Stachelbällchen ein schöner runder Ball geworden. Mit aktuell etwas mehr als 600g stürmt Josephine auf ihr Winterschlafgewicht zu. Die heutige erneute Kotuntersuchung auf Parasiten war negativ. Gleich zum Jahresbeginn wird Josephine in das Aussengehege, das Sabine und Uwe mir im Sommer eingerichtet hatten, umziehen. Vorsichtig (um sie nicht aufzuwecken) bewacht und immer mit einem kleinen Vorrat an Mehlwürmern, darf sie einer guten Zukunft entgegenschlafen. Wenn im Mai die Nächte gesichert frostfrei sein und die ersten der nur noch spärlichen Käfer herumkrabbeln werden, wird Josephine an ihren Fundort zurückkehren. Als erwachsene Igeldame wird sie hoffentlich eine Familie gründen. In einem Igelfutterhaus wird es immer ein zusätzliches Nahrungsangebot geben, so dass ihre Kinder nicht wie einst die Mutter werden hungern müssen.

Meine kleine Igelstation

 

Hier noch der link auf einen Artikel, der sehr kundig erklärt, warum wir in den letzten Jahren so viele hungernde Igel haben (neben den ebenfalls stetig zunehmenden Opfern von elektrischen Gartengeräten und Mährobotern).

* Fotos: privat