Zur richtigen Zeit zur Stelle

18. Dez. 2021

Die Taube kauerte aufgeplustert in der Ecke die von Hauswand und Zaunsockel gebildet wurde. Der beachtliche Kothaufen hinter ihr zeigte keinen Hungerkot, ließ mich aber vermuten, dass sie dort schon länger saß. Schnell holte ich ein Handtuch und die Transportbox aus dem Auto, trotzdem war der Vogel nicht mehr am Platz, als ich zurückkam. Ich suchte mit den Augen den vielbefahrenen und umtriebigen Platz ab. Drei Straßen mündeten hier auf der Rückseite des Hauptbahnhofs. Schließlich entdeckte ich sie inmitten eines kleinen Schwarms vor der Bäckerei, die übrigen Tiere pickten vor einem Lebensmittelladen. Offensichtlich gab es ein Futterangebot; zwar nicht artgerecht aber ausreichend. 

Vorsichtig näherte ich mich der Gruppe. Wie erwartet konnte die Taube nicht fliegen, war aber ungeheuer schnell auf ihren Füßen unterwegs. Ich ärgerte mich, den Kescher nicht im Auto gehabt zu haben. Immer wieder versuchte ich sie in eine Ecke zu drängen um zugreifen zu können, immer wieder war sie schneller. Schließlich floh sie zwischen unzählige im Fahrradständer abgestellte Räder. Fast aussichtslos, zumal sich auf einer Seite die Straße befand, auf der PKWs, Busse und Fahrräder im Sekundentakt vorbei rauschten. Ich fand einen alten, verrosteten Fahrradkorb als Fanghilfe, und dann tauchte aus dem Nichts ein Schutzengel auf: ein Handwerker mittleren Alters mit polnischem Akzent. Er regte sich nicht auf, er sabotierte nicht – er half! Eine Schrecksekunde mussten wir noch überstehen, als die Fahrerin eines großen SUV’s mit ungedrosselter Geschwindigkeit (30er – Zone) auf den Zebrastreifen nebst Taube zuhielt.

Dann aber brauchte es zu zweit nur wenige Minuten, bis sie gesichert war. Als sei es das Selbstverständlichste der Welt (was es für uns natürlich auch ist) erkundigte sich der freundliche Mann, ob das Tier nun gesund gepflegt würde. Ich konnte mich gerade noch für die Hilfe bedanken, als er auch schon fort war.

Rose kam noch am selben Tag zu Sabine. Diese ertastete eine Schwellung am Flügelgelenk und vermutete eine Kollision mit einem Auto, da der Vogel auch leicht benommen wirkte. Leider bestätigte sich später doch der Verdacht einer bakteriellen Infektion. Diese wird langwierig zu behandeln sein, und es ist nicht sicher, ob Rose jemals wieder wird fliegen können. Aber selbst wenn nicht, wäre sie in Sicherheit und hätte auch dann einen Platz auf Lebenszeit. Sie fände unter Sabines Schwarm einen Partner und wäre immer mit artgerechtem Futter versorgt.

Roses Zustand war noch nicht so schlimm, wie wir ihn sonst von schwer kranken Stadttauben kennen. Aber ihr hätte ein schmerzhaftes Siechtum mit tödlichem Ausgang bevorgestanden.

Drücken wir ihr und Sabine die Daumen, dass die Therapie anschlägt und die Patientin gesund wird. Dann dürfte sie zu ihrem Schwarm und Partner, den sie sicher hat, zurück.

Hintergründe und Problematik der Stadttauben sind ganz hervorragend dargestellt in einem Artikel der Stadttaubenhilfe Koblenz – Neuwied. 

https://www.stadttauben-koblenz-neuwied.de/warum-tauben/

Das Lesen lohnt, und die Verbreitung hilft, Vorurteile abzubauen und den völlig falschen Blick auf diese wunderbaren Tiere zu korrigieren.

Bilder: Sabine Kallergis