Geschöpfe der Nacht – Unsere scheuen Katzen

10. Mai. 2018

Geschätzte 2 Millionen Streunerkatzen gibt es in Deutschland. Man findet sie auf Bauernhöfen, in Industriegebieten, auf Friedhöfen. Wenn sie Glück haben, sind sie geduldet, manchmal werden sie wenigstens billig gefüttert, zumeist aber werden sie gar nicht beachtet, einerlei ob sie jung und scheinbar gesund oder alt und sichtbar krank sind …

Aufgang oder Untergang



Nenn ich dich Aufgang oder Untergang?

Denn manchmal bin ich vor dem Morgen bang

und greife scheu nach seiner Rosen Röte –

und ahne eine Angst in seiner Flöte

vor Tagen, welche liedlos sind und lang.



Aber die Abende sind mild und mein,

von meinem Schauen sind sie still beschienen;

in meinen Armen schlafen Wälder ein, –

und ich bin selbst das Klingen über ihnen,

und mit dem Dunkel in den Violinen

verwandt durch all mein Dunkelsein.

Rainer Maria Rilke

Die Streunerkatzen haben es sich nicht selbst ausgesucht, dieses Leben:

  • ohne Schutz vor Sturm, Regen und Kälte
  • ohne trockenen Schlafplatz
  • ohne gesicherte Fütterung und infolge oft hungernd
  • krank von den Revierkämpfen der unkastrierten Tiere, Unfällen und Mangelversorgung
  • ohne Ansprache geschweige denn eine streichelnde Hand

Unsichtbar am Tage, kommen sie nachts aus ihren Verstecken. Scheu und immer auf der Hut fristen sie ein elendes Dasein. Sie alle sind das Ergebnis menschlicher Unwissenheit, Verantwortungslosig- und Gleichgültigkeit.

Der Irrglaube, unsere Hauskatzen könnten im Freien auf sich gestellt ein gutes, gar glückliches Leben führen, hält sich hartnäckig. Noch immer gehören Katzen zu jedem Bauernhof, aber die wenigsten Bauern kümmern sich um diese ihre Tiere. Und die Anzahl der Besitzerkatzen, die unkastriert entlaufen oder gar in den Freigang entlassen werden, geht in die Tausende.

Tierschutzvereine richten Futterstellen ein, die das Leid ein wenig mindern. Aber ungezählte Tiere erreicht diese Hilfe nicht. Sie leiden still, kämpfen auf Samtpfoten um ein Überleben; Nacht für Nacht, Jahr um Jahr.

Wenn sie dann alt, verbraucht und vielfältig chronisch krank am Ende ihrer Kraft angelangt sind, gibt es selbst in vielen Tierheimen keinen Platz mehr für sie, weil sie kostenintensiv, scheu und ohne Chancen auf Vermittlung sind.

Zwei dieser Geschöpfe leben zur Zeit bei mir.

Sweety im Auslauf

Stupsi auf dem Bauernhof kurz vor Abholung

 

Katze Sweety hatte ich bereits vor einiger Zeit ausführlich vorgestellt (mehr erfahren …).

Stupsi kam im Februar, gerade rechtzeitig vor dem überraschend späten, eiskalten Wintereinbruch an. Sie stammt von demselben Bauernhof wie Miss Pizzi. Wenigstens wurde sie frühzeitig kastriert, und auch die Fütterung war sichergestellt. Aber die unbehandelten Infekte wurden zu einem chronischen Katzenschnupfen, der zusammen mit einer katastrophal schlechten Zahngesundheit zu einer schlimmen Maulhöhlenentzündung führte. Die Katze magerte ab und verwahrloste zusehends. Die Erstuntersuchung bei meinem Tierarzt offenbarte zudem ein gravierendes Herz-Kreislaufproblem, das jede Narkose und damit jeden operativen Eingriff verbot. Am traurigsten macht aber das Ergebnis der pathologischen Untersuchung einer Biopsie der Mundschleimhaut: die jahrelangen Entzündungen sind bereits zum Teil bösartig tumorös entartet.

Tagelang überlegte ich verzweifelt, was richtig wäre für die 12-jährige Kätzin. Sie zurück zu setzen war keine Option. Zu elend und schmerzhaft wäre ihr langsames Ende gewesen. Aber dürfte man es „Leben“ nennen, was ich ihr bieten könnte? Eingesperrt in einem Zimmer für den Rest ihrer Zeit? Wenn auch bei sorgfältiger Versorgung und Linderung der Schmerzen.

Es war die Katze selbst, die mich meiner Zweifel enthob. Nach wenigen Tagen ließ sie sich streicheln, dann sogar kämmen. Dabei schnurrte sie, rieb ihren Kopf an meiner Hand und manchmal vergaß sie sich so sehr, dass sie sich fast auf den Rücken warf. Fressen mochte oder konnte sie kaum, aber ich konnte ihr die Medikamente in’s Maul geben. Stupsis Vertrauen machte glücklich, aber auch unendlich traurig. Wie gerne hätte sich die Katze dem Menschen angeschlossen; welch ein schönes Leben hätte sie als geliebtes Familienmitglied haben können.

An den ersten warmen Apriltagen zog Stupsi in das Gartenhaus. Auch wenn sie das Freigehege fast nur nachts nutzt, tun ihr frische Luft und Gras unter den Pfoten gut. Endlich greifen auch die Medikamente. Stupsi frisst viel besser und scheint sich wohl zu fühlen.

Sweety bewohnt inzwischen den Teil des Katzenzimmers, dem ein Miniauslauf und ein kleiner Garten angeschlossen sind. Die Katzenklappe in den Garten hat sie noch nicht verstanden, aber ich sehe sie bei schönem Wetter immer häufiger in der Sonne liegen. Die alte Katzendame, die niemals engeren Kontakt zu Menschen hatte, frisst mir aus der Hand, und manchmal maunzt sie mich an.

„Betreutes Wohnen“ für zwei Katzendamen, für die sich niemals Jemand wirklich verantwortlich fühlte. Beide mussten alt und leider schwer krank werden, um zum ersten Mal in einem Zuhause anzukommen.

Wir können natürlich nur nach menschlichen Gesichtspunkten urteilen – trotzdem: Es scheint den beiden zu gefallen, und ich bin froh, dass sie hier sind. Dass ich ihnen die Schmerzen ihrer verbrauchten Körper lindern und sie am Ende ihres Lebensweges mit Fürsorge und Liebe umgeben darf. Meine Katzenwesen der Nacht.

Auch wenn sie manchmal überraschend viel Nähe zulassen, bleiben sie scheue Tiere. Geprägt von einem entbehrungsreichen Leben und vielfältig schlechten Erfahrungen. Ich kann sie nicht so umfassend versorgen, wie ich es mir wünschte und immer wieder zweifle ich, ob ich richtig an ihnen handle. Trotzdem oder gerade deshalb haben sie ihren ganz besonderen Platz in meinem Herzen.

Und sie geben Kraft, immer wieder gerade diese scheuen Tiere nicht sich selbst und damit einem leidvollen Ende zu überlassen.