George, was ist Dir nur geschehen?

23. Okt. 2020

Der Kater mit der auffälligen Maske kam als Fundtier in’s Tierheim. Dreckig und viel zu dünn sah ihn eine Türschützerin auf dem Gehweg an einer Feuerwache in Bonn. Die massiven Beeinträchtigungen im Bewegungsapparat fielen nicht auf, weil der Kater fast nur in seinem Korb lag; der Blutbefund zeigte recht hohe Nierenwerte. Als die Kontrolluntersuchung viel zu spät erfolgte, war die Verschlechterung dramatisch und ließ kaum Hoffnung.

Zum Glück bekamen wir ganz schnell einen Termin zum Ultraschall, dessen Ergebnis niederschmetternd war: beide Nieren sind stark verändert und kaum noch funktionstüchtig. Als Folge zeigten sich ein Bluthochdruck und eine deutliche Anämie.

Ich nahm den liebenswerten aber ungeheuer ängstlichen Kater mit heim und begann zu kämpfen. George machte es mir nicht leicht. Er verließ auch bei mir seinen Korb kaum und fraß schlecht. Sobald dem Futter ein Medikament zugegeben war, rührte er es nicht mehr an. Dennoch ging es voran – wenn auch in Minischritten. Der Blutdruck war bald eingestellt, aber natürlich stiegen die Nierenwerte nochmals deutlich an. Wenigstens erholte sich das rote Blutbild, und der an sich recht große Kater nahm stetig an Gewicht zu. Wie viele schwerstkranke Katzen besann sich George auf die ursprüngliche und eben artgerechte Ernährung: er mag am liebsten rohes Fleisch, das er in verschiedenen Varianten bekommt.

Ganz langsam verlor er ein wenig seine Scheu; er entdeckte die Wohnung und machte sogar Spaziergänge nach draußen. Aber jetzt zeigte sich das ganze Ausmaß der Defizite im Skelettsystem. Das linke Vorderbein ist völlig krumm, das Ellenbogengelenk hoch arthrotisch, entzündet, evtl. sogar tumorös. Das rechte ist nur wenig besser, der Rücken verspannt von vorne bis hinten. Das Röntgenbild zeigt schlimmste Spondylosen und einen massiven Verschleiß der Bandscheiben. Jetzt, wo er sich endlich ein wenig bewegte, hatte der Kater solche Schmerzen, dass er sich die Innenseite des Vorderbeines innerhalb weniger Stunden wund leckte. Eine Neuraltherapie in das Gelenk brachte wunderbare Linderung. Das Schmerzmittel ist nicht gut für die Nieren und den Magen, zur Zeit aber noch unabdingbar.

Als wären die körperlichen Problemen nicht schlimm genug, hat der zauberhafte Kerl noch ein erhebliches seelisches Trauma. Er hungert so sehr nach Zuneigung und Streicheleinheiten, dass er eine der ganz wenigen Katzen ist, bei denen man – ungeachtet des Fauchens – zum Streicheln in den Korb hineingreifen darf. Und doch erschrickt er vor jeder Bewegung. Wenn man auf ihn zugeht, weicht er sofort zurück und hält Ausschau nach einem Unterschlupf. Jeder zu schnelle Versuch ihn anzufassen löst pures Entsetzen aus. Der Kater muss dauerhaft massiv bedrängt worden sein. Vielleicht von Kindern, denen keine Grenzen gesetzt waren? Oder lebte er mit einem kranken Menschen? Wir werden es nie erfahren. Ich glaube, dass er kein Freigänger war. Der schlimme Zustand seiner Knochen wird von jahrelanger Fehlhaltung und Anspannung herrühren; vom Verkriechen und angstvollen Zusammenkauern.

          

George ist so bedürftig, dabei derart anrührend in seiner Dankbarkeit für ein wenig Zuneigung und Achtsamkeit. Er greift mit beiden Pfoten nach meinem Herzen.

Wir können weder seine Nieren noch seine Knochen reparieren. Aber wir werden mit Allem was sowohl die Schulmedizin als auch die Naturheilkunde zur Verfügung haben dafür sorgen, dass er keine Schmerzen leidet, und es ihm so gut geht, wie es irgend möglich ist.

Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich hoffe inniglich, dass sie ausreichen wird um ein wenig gutzumachen von dem, was dem Kater angetan wurde.